Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit beschäftigt sich damit, wie sicheres Verhalten im betrieblichen Alltag gefördert werden kann. Dabei geht es jedoch nicht darum, Beschäftigte für Arbeitsunfälle oder unsichere Situationen verantwortlich zu machen. Nachhaltiger Arbeitsschutz entsteht erst dann, wenn sichere Arbeitsbedingungen, geeignete Technik, klare Abläufe, gute Führung und das Verhalten der Beschäftigten sinnvoll zusammenspielen.
Gerade in Schreinereien, Tischlereien, im Innenausbau und in anderen handwerklich geprägten Betrieben können Workshops zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit dabei helfen, Risiken aus dem eigenen Arbeitsalltag sichtbar zu machen und gemeinsam praktikable Verbesserungen zu entwickeln.
Was bedeutet verhaltensorientierte Arbeitssicherheit?
Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit wird häufig auch mit dem englischen Begriff Behaviour-Based Safety, kurz BBS, beschrieben. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Verhaltensweisen im Arbeitsalltag Sicherheit fördern und welche betrieblichen Bedingungen sicheres Arbeiten erschweren.
Typische Themen sind beispielsweise:
- der Umgang mit Maschinen und Arbeitsmitteln,
- das konsequente Verwenden vorgesehener Schutzmaßnahmen,
- die Kommunikation über Gefahren und Beinaheunfälle,
- der Umgang mit Zeitdruck und Störungen,
- gegenseitiges Ansprechen bei erkennbaren Risiken,
- das Verhalten von Führungskräften,
- die Beteiligung der Beschäftigten an Verbesserungsmaßnahmen.
Wichtig ist die richtige Einordnung: Unsicheres Verhalten ist häufig nicht nur eine individuelle Entscheidung. Arbeitsabläufe, Zeitvorgaben, schlecht erreichbare Arbeitsmittel, unklare Zuständigkeiten oder ungeeignete technische Lösungen können Verhalten wesentlich beeinflussen.
Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit ersetzt keine technischen Schutzmaßnahmen
Ein wirksames Arbeitsschutzkonzept beginnt nicht bei der Aufforderung, „vorsichtiger zu arbeiten“. Zunächst muss geprüft werden, ob Gefährdungen vermieden oder durch technische und organisatorische Maßnahmen reduziert werden können.
Das kann beispielsweise bedeuten:
- Maschinen mit geeigneten Schutzeinrichtungen auszurüsten,
- Arbeitsbereiche und Verkehrswege sinnvoll zu gestalten,
- Staub und Gefahrstoffe möglichst an der Entstehungsstelle zu erfassen,
- Arbeitsmittel sicher bereitzustellen,
- klare Zuständigkeiten und Arbeitsabläufe festzulegen,
- ausreichend Zeit für sicheres Arbeiten einzuplanen.
Erst auf dieser Grundlage können Unterweisungen, Kommunikation und sicheres Verhalten ihre Wirkung sinnvoll entfalten.
Warum Sicherheitskultur mehr ist als das Einhalten von Regeln
Eine Sicherheitskultur zeigt sich darin, welchen Stellenwert Sicherheit und Gesundheit tatsächlich im Arbeitsalltag haben. Entscheidend ist nicht nur, welche Regeln schriftlich vorhanden sind, sondern wie im Betrieb mit Risiken, Fehlern und Verbesserungsvorschlägen umgegangen wird.
Eine gute Sicherheitskultur ist beispielsweise daran erkennbar, dass:
- Gefährdungen offen angesprochen werden können,
- Führungskräfte Sicherheitsregeln selbst ernst nehmen,
- Beschäftigte Verbesserungsvorschläge einbringen können,
- Beinaheunfälle und Fehler ausgewertet werden,
- Probleme nicht vorschnell einzelnen Personen zugeschrieben werden,
- Schutzmaßnahmen im Arbeitsalltag praktikabel umgesetzt werden können.
Führung, Kommunikation und Beteiligung spielen dabei eine besonders wichtige Rolle. Beschäftigte kennen viele praktische Schwierigkeiten ihrer Arbeitsplätze sehr genau und können wertvolle Hinweise für Verbesserungen liefern.
Welche Rolle spielt Führung bei der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit?
Führungskräfte beeinflussen die Sicherheitskultur wesentlich. Beschäftigte orientieren sich nicht nur an schriftlichen Vorgaben, sondern auch daran, welches Verhalten tatsächlich vorgelebt, erwartet und akzeptiert wird.
Wenn Sicherheitsmaßnahmen bei Zeitdruck plötzlich keine Rolle mehr spielen oder Verstöße regelmäßig toleriert werden, entsteht eine andere Botschaft als durch jede noch so gute Unterweisung.
Führungskräfte sollten deshalb:
- Sicherheit und Gesundheit sichtbar priorisieren,
- eigene Regeln konsequent einhalten,
- Probleme und Verbesserungsvorschläge ernst nehmen,
- ausreichende Rahmenbedingungen für sicheres Arbeiten schaffen,
- offene Kommunikation fördern,
- aus Fehlern lernen statt vorschnell Schuldige zu suchen.
Beschäftigte aktiv an der Sicherheitskultur beteiligen
Beschäftigte sollten nicht nur Empfänger von Sicherheitsanweisungen sein. Ihre Erfahrungen können helfen, Gefährdungen frühzeitig zu erkennen und Schutzmaßnahmen praxisgerechter zu gestalten.
Besonders hilfreich sind konkrete Fragen aus dem Arbeitsalltag:
- Welche Tätigkeiten empfinden Beschäftigte als besonders riskant?
- Welche Schutzmaßnahmen funktionieren in der Praxis gut?
- Wo werden Regeln häufig umgangen und warum?
- Welche Arbeitsmittel oder Abläufe erschweren sicheres Arbeiten?
- Wo entstehen unter Zeitdruck oder bei Störungen zusätzliche Gefährdungen?
- Welche Verbesserungen wären mit vertretbarem Aufwand möglich?
Solche Fragen helfen dabei, nicht nur individuelles Verhalten zu betrachten, sondern auch die Bedingungen, unter denen dieses Verhalten entsteht.
Workshop zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit
Ein Workshop zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit bietet die Möglichkeit, Beschäftigte aktiv einzubeziehen und reale Situationen aus dem Betrieb gemeinsam zu betrachten.
Dabei sollte kein allgemeiner Standardvortrag im Vordergrund stehen. Sinnvoller ist es, unterschiedliche Tätigkeiten und Arbeitsbereiche getrennt zu betrachten.
In einem holzverarbeitenden Betrieb können beispielsweise andere Fragen relevant sein als im Büro, im Versand oder in der Schlosserei.
Praxisbeispiel aus einem IMGP-Workshop
Bei einem von IMGP durchgeführten Workshop in einem holzverarbeitenden Unternehmen wurden die Beschäftigten entsprechend ihrer Arbeitsbereiche in unterschiedliche Gruppen eingeteilt.
Betrachtet wurden unter anderem:
- Büro und Verwaltung,
- Lager, Versand und Schlosserei,
- Schreinerei und Produktion.
Dadurch konnten die jeweiligen Gruppen konkrete Situationen aus ihrem eigenen Arbeitsbereich einbringen.
Diskutiert wurden beispielsweise Risiken durch Maschinen, persönliche Schutzausrüstung, Leitern und Verkehrswege sowie Kommunikation und Verhalten in besonderen Situationen.
Auch die Beteiligung der Geschäftsführung kann dabei ein wichtiges Signal sein. Sicherheitskultur funktioniert besser, wenn sie nicht ausschließlich als Aufgabe der Beschäftigten verstanden wird, sondern von Führung und Belegschaft gemeinsam getragen wird.
Wie läuft ein Workshop zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit ab?
Ein praxisorientierter Workshop kann beispielsweise in mehreren Schritten aufgebaut werden:
- Arbeitsbereiche und typische Tätigkeiten auswählen,
- konkrete Risiken und problematische Situationen sammeln,
- Ursachen für unsichere Situationen gemeinsam betrachten,
- technische und organisatorische Verbesserungsmöglichkeiten prüfen,
- sicheres und unsicheres Verhalten diskutieren,
- konkrete Maßnahmen und Verantwortlichkeiten festlegen,
- Ergebnisse später im Arbeitsalltag überprüfen.
Entscheidend ist, dass aus dem Workshop konkrete betriebliche Maßnahmen entstehen und die Ergebnisse nicht nur als einmalige Schulungsveranstaltung verstanden werden.
Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit und Gefährdungsbeurteilung verbinden
Beobachtungen und Erkenntnisse aus Workshops können wertvolle Hinweise für die Gefährdungsbeurteilung liefern. Sie ersetzen diese jedoch nicht.
Die Gefährdungsbeurteilung betrachtet systematisch die Arbeitsbedingungen und legt fest, welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind. Dabei müssen unter anderem Arbeitsstätten, Arbeitsmittel, Arbeitsstoffe, Arbeitsabläufe, Arbeitszeiten, Qualifikation und Unterweisung berücksichtigt werden.
Hinweise aus der Belegschaft können dabei helfen, Schwachstellen sichtbar zu machen, die auf dem Papier möglicherweise nicht unmittelbar erkennbar sind.
Unterweisung und Sicherheitskultur sind nicht dasselbe
Unterweisungen sind ein wichtiger Bestandteil des betrieblichen Arbeitsschutzes. Beschäftigte müssen über Gefährdungen und erforderliche Schutzmaßnahmen informiert werden.
Eine Sicherheitskultur entsteht jedoch nicht allein durch eine jährliche Unterweisung.
Sie entwickelt sich insbesondere durch:
- regelmäßige Kommunikation,
- glaubwürdiges Verhalten der Führungskräfte,
- aktive Beteiligung der Beschäftigten,
- den konstruktiven Umgang mit Fehlern und Beinaheunfällen,
- konsequent umgesetzte Verbesserungsmaßnahmen,
- die regelmäßige Überprüfung der Wirksamkeit.
Typische Fehler bei verhaltensorientierter Arbeitssicherheit
1. Unsicheres Verhalten wird ausschließlich den Beschäftigten zugeschrieben
Wenn Beschäftigte Schutzmaßnahmen umgehen, sollte nicht nur gefragt werden, warum sie sich falsch verhalten. Ebenso wichtig ist die Frage, ob Arbeitsbedingungen, Zeitdruck, unpraktische Abläufe oder ungeeignete Arbeitsmittel dieses Verhalten begünstigen.
2. Führungskräfte werden nicht einbezogen
Sicherheitskultur lässt sich nicht ausschließlich von der Belegschaft entwickeln. Führungskräfte müssen die gewünschten Standards unterstützen und selbst vorleben.
3. Der Workshop bleibt ohne konkrete Maßnahmen
Ein guter Austausch allein verändert noch keine Arbeitsbedingungen. Ergebnisse sollten dokumentiert, Verantwortlichkeiten festgelegt und vereinbarte Maßnahmen nachverfolgt werden.
4. Sicherheitskultur wird mit mehr Regeln verwechselt
Zusätzliche Vorgaben sind nicht automatisch die Lösung. Entscheidend ist, ob Regeln verständlich, praktikabel und mit den tatsächlichen Arbeitsbedingungen vereinbar sind.
5. Gute Beobachtungen werden nicht weiterverfolgt
Wenn Beschäftigte Probleme ansprechen und anschließend keine erkennbare Reaktion erfolgt, kann die Bereitschaft zur Beteiligung schnell sinken.
Wie lässt sich eine Sicherheitskultur nachhaltig entwickeln?
Eine nachhaltige Sicherheitskultur entsteht nicht an einem einzigen Schulungstag. Sie entwickelt sich über einen längeren Zeitraum und muss im betrieblichen Alltag gepflegt werden.
Ein sinnvoller Prozess kann so aussehen:
- Ausgangssituation und bestehende Sicherheitskultur betrachten,
- Beschäftigte und Führungskräfte einbeziehen,
- konkrete betriebliche Schwachstellen identifizieren,
- technische, organisatorische und personenbezogene Maßnahmen festlegen,
- Verbesserungen im Arbeitsalltag umsetzen,
- Rückmeldungen und neue Erkenntnisse aufnehmen,
- Wirksamkeit prüfen und Maßnahmen weiterentwickeln.
So wird Arbeitsschutz zu einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess statt zu einer einmal jährlich wiederkehrenden Pflichtveranstaltung.
Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit mit IMGP weiterentwickeln
Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit kann Unternehmen dabei unterstützen, Sicherheit und Gesundheit stärker im betrieblichen Alltag zu verankern. Voraussetzung ist, dass Verhalten nicht isoliert betrachtet wird, sondern gemeinsam mit Arbeitsbedingungen, Führung, Organisation und technischen Schutzmaßnahmen.
IMGP unterstützt Unternehmen mit Workshops, Schulungen und praxisorientierten Gefährdungsbeurteilungen dabei, Risiken aus dem Arbeitsalltag sichtbar zu machen, Beschäftigte aktiv einzubeziehen und konkrete Verbesserungsmaßnahmen zu entwickeln.
Durch seine Erfahrung als gelernter Schreiner, Dipl.-Ing. Holztechnik und Fachkraft für Arbeitssicherheit kann Florian Strauss dabei besonders die Arbeitsbedingungen in Schreinereien, Tischlereien, Innenausbau und Holzverarbeitung praxisnah einordnen.
Florians Praxistipp zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit
Wenn Beschäftigte eine Sicherheitsregel regelmäßig umgehen, sollte die erste Frage nicht lauten: „Warum halten die sich nicht daran?“ Schauen Sie zuerst auf den tatsächlichen Arbeitsablauf. Oft zeigt sich, dass Zeitdruck, ungeeignete Arbeitsmittel, schlechte Erreichbarkeit oder unklare Abläufe das Verhalten beeinflussen. Genau dort entstehen häufig die besten Ansatzpunkte für nachhaltige Verbesserungen.
Hinweise zur Aktualität
Der Beitrag wurde fachlich und redaktionell überarbeitet. Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit sollte immer gemeinsam mit der Gefährdungsbeurteilung sowie technischen und organisatorischen Schutzmaßnahmen betrachtet werden. Betriebliche Bedingungen, Arbeitsmittel, Tätigkeiten und vorhandene Gefährdungen sind bei der konkreten Umsetzung maßgeblich. Rechtsvorschriften und Regelwerke sollten in ihrer jeweils aktuellen Fassung berücksichtigt werden.
Quellen
- Gesetze im Internet: Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), insbesondere § 4 Allgemeine Grundsätze, § 5 Gefährdungsbeurteilung und § 12 Unterweisung
- Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Grundlagen der Gefährdungsbeurteilung und betriebliche Präventionskultur
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Kultur der Prävention
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): Kulturdialoge – Prävention
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): DGUV Information 206-042 „Beteiligung – Beschäftigte beteiligen – Sicherheit und Gesundheit mitgestalten“
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): DGUV Information 206-038 „Kommunikation – Durch eine gute Kommunikation Sicherheit und Gesundheit voranbringen“
- Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV): DGUV Information 206-025 „Auf die Haltung kommt es an! Unternehmenskultur sicher und gesund gestalten“
